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Neue Erkenntnisse zu wurzelstarken Unterlagen und der Affolter-Pflanzmethode
In Zeiten fortschreitender Klimaveränderungen stehen Streuobstbewirtschafterinnen und -bewirtschafter vor immensen Herausforderungen. Anhaltende Sommerhitze, lange Trockenperioden und extreme Wetterereignisse setzen insbesondere jungen Obstbäumen stark zu. Wie pflanzen wir Streuobstbäume, dass sie ohne großen Ressourcen-Input (Bewässerung, Arbeitsaufwand) gesund, vital wachsen und alt werden?
Das Forschungsprojekt „Klimafitte Anzucht- und Etablierungsverfahren für den Streuobstbau“ der Arbeitsgemeinschaft (AG) Wurzel des Pomologen-Verein e.V. liefert darauf Antworten aus Forschung und Praxis. Im Rahmen dieses Projektes sind nun zwei wegweisende Publikationen erschienen: Ein Teilbericht zur Unterlagenvielfalt sowie eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Anlage von sogenannten „Affoltern“.
Der Wurzel auf der Spur: Abschied von Einheitsunterlagen
Der Bericht „Unterlagen für Äpfel und Birnen“ als Teil des Projekts widmet sich dem Fundament jedes gesunden Hochstamms: der Wurzelunterlage. Wer heute Hochstämme pflanzt, greift fast alternativlos zu den Standardunterlagen 'Bittenfelder Sämling' beim Apfel und 'Kirchensaller Mostbirne' bei der Birne. Diese starke genetische Verengung birgt jedoch erhebliche Risiken für die Zukunft. Kommt es zu spezialisierten Schaderregern (z. B. dem Birnenverfall) oder extremen Trockenphasen, leidet rasch der gesamte Bestand.
Eine systematische Auswertung von 280, überwiegend historischen, Publikationen aus den Jahren 1616 bis 2023 offenbart, dass dies nicht immer so war. In früheren Jahrhunderten nutzten Obstbäuerinnen und Obstbauern eine große Vielfalt regionaler, robuster Wirtschaftssorten und Sämlinge als Unterlagen.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung betrifft außerdem den Ploidiegrad (= Anzahl der Chromosomensätze in einem Zellkern) der Mutterbäume: Diploide Sorten mit doppeltem Chromosomensatz wie 'Antonowka', 'Gellerts Butterbirne', 'Wildling von Einsiedeln', 'Grahams Jubiläum' oder 'Danziger Kantapfel' zeichnen sich durch sehr hohe Keimraten von bis zu 95 Prozent und eine hervorragende Vitalität aus. Sie sollten künftig bevorzugt als Saatgutspender genutzt werden. Triploide Sorten hingegen bilden oft minderwertigen Pollen und schlechter keimende Samen aus, wurden aber von unseren Vorfahren sehr häufig als Unterlage verwendet. Schlüssige Begründungen, warum sie dies taten, fehlen bislang.
Das Fazit: Die Autorinnen und Autoren des Berichts plädieren eindringlich für eine gezielte Rückkehr zur genetischen und regionalen Diversität. Die gezielte Verwertung von Saatgut regionaler alter Bäume und diploider Wirtschaftssorten bildet den Schlüssel zu widerstandsfähigen Streuobstbeständen.
Das Affolter-System: ein Mikrowäldchen für gesunden Nachwuchs
Doch wie gelangen junge Sämlinge im Freiland zu einem tiefen, unverletzten Wurzelsystem? Hier setzt die zweite Publikation an, die Kurzanleitung „Schritt für Schritt zum Affolter“. Das Wort Affolter steht historisch für „Apfelwäldchen“. Die Projektpartner meinen damit ein dicht bepflanztes, komprimiertes Ökosystem auf einer Fläche von etwa 1,25 × 1,25 Metern.
Das Prinzip kombiniert wurzelschonend vorgezogene Kernobstsämlinge (sogenannte Netzlinge aus biologisch abbaubaren Air-Pruning-Systemen) mit einer durchdachten Vielfalt von Begleit- und Ammenpflanzen. In einem Schutzkasten aus unbehandeltem Holz wird bereits im Vorherbst durch das Einlegen von Holzspaltlingen sowie Laub-Zweigholz eine dicke Biomasseschicht aufgebaut. Diese aktiviert das mikrobielle Bodenleben und baut wertvollen Humus auf.
Im Frühsommer nach der Keimung pflanzen die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter die Sämlinge direkt zusammen mit mindestens sechs bis acht verschiedenen Begleitpflanzenarten (wie Weiden, Wildrosen, Feldahorn, Heckenkirschen oder Beerensträuchern). Diese dichte Gemeinschaft erfüllt überlebenswichtige Aufgaben für den Zielbaum:
- Bodenbeschattung & Verdunstungsschutz: Das dichte Blätterdach schützt den Oberboden vor praller Sonne und hält die Feuchtigkeit im Substrat.
- Mikrobiom-Anbindung & Humusaufbau: Über den sogenannten „flüssigen Kohlenstoffweg“ scheiden die Pflanzen Wurzelexsudate aus, die Mykorrhiza-Pilze und Nährstoffkreisläufe im Boden aktivieren.
- Nährstoff- und Wasserspeicher: Die unterschiedlichen Wurzelsysteme erschließen verschiedene Bodenhorizonte. Begleitpflanzen schneiden die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter regelmäßig zurück und liefern dadurch direkt vor Ort organischen Mulch.
Aus der Gruppe der Kernobstsämlinge wählen die Bewirtschafterinnen und Bewirtschafter im Laufe der Jahre schließlich dem stärksten und vitalsten Zielbaum aus, während die Begleitpflanzen schrittweise zurückweichen.
Praxiserfahrungen und Ausblick
Dass dieses naturnahe System auch bei extremer Sommerhitze erstaunlich gut funktioniert, zeigen die praktischen Versuchsergebnisse der AG Wurzel des Pomologen-Verein e.V.: Auf drei anspruchsvollen Projektstandorten legte das Projektteam insgesamt dreißig Affolter an. Selbst in den heißen Dürrephasen kommen die Jungpflanzen bisher ganz ohne Gießen aus. Der feuchte Bodenschluss und das intakte Bodenleben machen es möglich. Wer die Entwicklung der Versuchsanlagen mitverfolgen möchte, findet im Online-Tagebuch der Projektgruppe sowie auf Instagram fortlaufend Einblicke.
Quellen und weiterführende Links
- Maringer, J.; Meyer, G.; Wagner, J.; Heusel, J. (2026). Schritt für Schritt zum Affolter. Teilbericht für das Projekt „Klimafitte Anzuchts- und Etablierungsverfahren für den Streuobstbau“. Stuttgart: Ministerium für Ländlicher Raum, Landwirtschaft und Heimat Baden-Württemberg. Online unter: https://streuobst.landwirtschaft-bw.de/site/pbs-bw-rebrush2024/get/documents_E1675943337/MLR.LEL/Streuobst/2026_Kurzanleitung_Affolter_comp.pdf
- Maringer, J.; Eisenring, R.; Schulz, C.; Radtke, M.; Bosch, H-T (2026). Unterlagen für starkwüchsige Apfel- und Birnenbäume. Teilbericht des Projektes “Klimafitte Anzuchts- und Etablierungsverfahren für den Streuobstbau”. Stuttgart: Ministerium für Ländlicher Raum, Landwirtschaft und Heimat Baden-Württemberg. Online unter: https://streuobst.landwirtschaft-bw.de/site/pbs-bw-rebrush2024/get/documents_E1991944309/MLR.LEL/Streuobst/2026%20Teilbericht_Unterlagen.pdf
- Tagebuch & Praxiseinblicke: wurzel-ag.de/tagebuch-affolter
- Forschungsprojekt: wurzel-ag.de/forschungsprojekte/klimafitte-saemlinge
- Kontakt: Dr.-Ing. Janet Maringer (Projektleitung) – fp-wurzel@pomologen-verein.de