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„Golf und Streuobst passen wunderbar zusammen“
Was haben Golfbälle, Apfelbäume und Wildbienen gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, beim Achimer Golfclub in Niedersachsen jedoch eine ganze Menge. Zwischen Golfbahnen und Obstbäumen zeigt der Verein, wie sich Sport und Naturschutz erfolgreich verbinden lassen. Mit viel Engagement für Streuobstwiesen und Artenvielfalt ist auf der Anlage ein ganz besonderer Ort entstanden. Zeit für einen Blick hinter die Kulissen: Wie kamen die Streuobstwiesen auf den Golfplatz und was macht dieses Projekt so besonders? Im Interview nimmt uns Clubmanager Thomas Schmidt mit hinter die Kulissen des Projekts.
- Der Golfplatzprofi: Clubmanager Thomas Schmidt vom Achimer Golfclub
- Sein Fachwissen: Streuobst und Golfplatz verbinden
- Das Interview führte (schriftlich): Mira Mosbacher
Streuobst-News (SN): Golfclub und Streuobstwiese - das klingt für einige vielleicht erstmal nach zwei verschiedenen Welten. Erklären Sie uns Ihr Konzept kurz, wie Naturschutz und Golf zusammenspielen?
Thomas Schmidt (TS): Auf den ersten Blick scheint das ein Widerspruch zu sein. Auf den zweiten ist es eine logische Verbindung. Ein Golfplatz braucht Fläche, und diese Fläche muss nicht ausschließlich aus kurzgeschnittenem Rasen bestehen. Beim Achimer Golfclub haben wir bewusst entschieden, große Teile unserer Anlage als lebendigen Lebensraum zu gestalten – für Insekten, Vögel und alte Obstbaumbestände. Unser Leitmotiv „Natürlich offen“ meinen wir ernst: offen für alle Menschen, aber auch offen für die Natur, die uns umgibt.
SN: Wie hat alles angefangen? Wie kam der Achimer Golfclub dazu, sich für Streuobstwiesen und Artenvielfalt einzusetzen?
TS: Das ist von Beginn an in unserer DNA. Der Achimer Golfclub wurde als naturnahe Anlage gegründet. Naturschutz war kein nachträglicher Gedanke, sondern von Anfang an Teil des Konzepts. Bereits Ende der 1990er Jahre haben wir die erste Streuobstwiese etabliert. Seitdem haben wir das Projekt kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt. Heute wachsen auf unserer Anlage über 100 Obstbäume alter Sorten. Es ist ein lebendes Zeugnis dafür, dass Golf und Natur wunderbar zusammenpassen.
SN: Wer über Ihre Golfanlage geht, kann nicht nur Golf spielen, sondern entdeckt auch verschiedene Obstsorten. Welche Bäume und Sorten wachsen auf Ihren Streuobstwiesen?
TS: Streuobstwiesen sind botanische Schatzkammern. Auf einem Hektar unserer Anlage stehen über achtzig Hochstammbäume verschiedenster alter, regionaler Sorten: Ruhm aus Kirchwerder, Schneider späte Knorpelkirsche, Prinz Albrecht von Preußen, Seestermüher Zitronenapfel, Finkenwerder Herbstprinz, Freiherr von Berlepsch, Hauszwetschge zum Felde, Bremer Doodapfel, Berliner, Celler Dickstiel, Jakob Lebel, Ingrid Marie, Gravensteiner, Goldparmäne und viele mehr.
Besonders stolz sind wir auf eine echte Rarität: den Uphuser Tietjenapfel, eine vom Aussterben bedrohte Lokalsorte, die direkt aus Uphusen stammt, einem Ortsteil unserer Stadt Achim. Kaum ein Golfclub kann von sich sagen, eine solche Heimatsorte in seinem Bestand zu haben.
Ergänzend sind über dreißig weitere Obstbäume direkt auf dem Golfplatz gepflanzt: am „Appelboom Wisch“ auf Bahn 9 (in Zusammenarbeit mit dem Rotary Club Achim und „Plant for the Planet“), entlang der Bahn 8 (gespendet und gepflanzt vom Lions Club Achim) sowie weitere Bäume auf dem 9-Loch-Platz. Auch für Menschen mit Apfelallergie bieten diese alten Sorten übrigens eine überraschend verträgliche Alternative. Der hohe Polyphenolgehalt neutralisiert die allergieauslösenden Eiweiße.
SN: Was passiert eigentlich mit dem Obst von Ihren Streuobstwiesen?
TS: Das Obst gehört allen, die zu uns kommen – aber mit System. Bäume, an denen gepflückt werden darf, sind mit einem gelben Band gekennzeichnet. Mitglieder und Gäste können sich frei bedienen, was wunderbar angenommen wird.
Im Herbst gibt es zusätzlich drei gemeinsame Erntetermine zusammen mit unseren Mitgliedern. Die geernteten Äpfel werden anschließend in einer lokalen Mosterei zu Apfelsaft verarbeitet. Im letzten Jahr waren das immerhin 320 Liter. Diesen Saft verkaufen wir im Clubhaus, der Erlös fließt vollständig in unsere „Golf & Natur“-Projekte. Aus dem Golfplatz in den Saft, aus dem Saft zurück in die Natur. Das ist für uns ein schöner Kreislauf.
SN: Wie werden Ihre Streuobstwiesen und Naturschutzprojekte von Mitgliedern und Gästen aufgenommen? Bekommen Sie Rückmeldungen dazu und gibt es vielleicht sogar Menschen, die gerade wegen dieses Engagements zu Ihnen kommen?
Die Resonanz ist durchweg positiv, und ehrlich gesagt manchmal überraschend herzlich. Viele Golfspielerinnen und -spieler nehmen sich bewusst Zeit, an den Obstbäumen innezuhalten, die Sortenbezeichnungen zu lesen oder einfach die besondere Atmosphäre zu genießen. Wir bekommen regelmäßig Rückmeldungen von Menschen, die sagen, dass genau diese Verbindung von Golf und lebendiger Natur sie zu uns gebracht hat. Das trifft unser Selbstverständnis genau.
SN: Welche Herausforderungen bringt es mit sich, Streuobstwiesen und andere Naturschutzprojekte auf einer Golfanlage langfristig zu erhalten?
Streuobstwiesen brauchen Pflege, das ist die ehrliche Antwort. Regelmäßiger Schnitt, Nachpflanzung, Pflanzenschutz ohne Chemie: Das kostet Zeit und Wissen. Wir sind auf ehrenamtliches Engagement angewiesen und auf Mitglieder, die mitanpacken. Eine weitere Herausforderung ist Überzeugungsarbeit: Nicht jeder versteht auf Anhieb, warum ein „wilder“ Bereich mit alten Bäumen und Wildblumen fest zum Golfplatz gehört. Aber diese Überzeugungsarbeit lohnt sich. Und die Erntetermine im Herbst zeigen, wie viel Begeisterung darin steckt.
SN: Ihr Beispiel zeigt, dass Streuobstwiesen auch an unerwarteten Orten ihren Platz finden. Welche Tipps haben Sie für andere Menschen, Vereine und Organisationen, die Naturschutz und Streuobst mit einem eher ungewöhnlichen Nutzungskonzept verbinden möchten?
Erstens: Einfach anfangen. Man braucht kein fertiges Konzept, um einen Obstbaum zu pflanzen. Zweitens: Kooperationen suchen, wie wir es mit dem Rotary Club, dem Lions Club und lokalen Mostereien getan haben. Sie bringen Ressourcen, Netzwerke und frischen Wind. Drittens: Kommunizieren. Wer zeigt, was er tut, findet schnell Gleichgesinnte. Und viertens: Geduld. Streuobstwiesen sind ein Projekt für Jahrzehnte, nicht für Saisons. Aber der Aufwand zahlt sich aus, nicht nur ökologisch, sondern auch als Identitätsmerkmal für den Club.
SN: Sie haben in den vergangenen Jahren am Tag der Streuobstwiese teilgenommen. Welche Aktionen und Angebote haben Sie dabei auf die Beine gestellt und wie wurden diese angenommen?
Das Gelbe-Band-Prinzip ist unser tägliches Angebot: Wer möchte, pflückt und nimmt mit. Als Highlight rund um den Tag der Streuobstwiese veranstalten wir das Bio-Regio-Turnier. Ein Golfturnier, das seinen Auftakt und das Abschlussgrillen bewusst auf der Streuobstwiese zur schönsten Apfelblütenzeit legt. Natur und Sport gehen dabei Hand in Hand. Ergänzt wird das Programm durch Kooperationen mit Kitas, inklusive Imker-Präsentationen rund um das Thema Bienen und Bestäubung. Wir wollen das Bewusstsein für Streuobst schon bei den Jüngsten wecken.
SN: Gibt es Ideen oder Projekte, die Sie rund um die Streuobstwiesen in Zukunft noch umsetzen möchten?
Wir wollen die Streuobstwiese noch stärker als Erlebnisort etablieren. Konkret planen wir ein jährliches Picknick-Event auf der Streuobstwiese, eine Erweiterung der Beschilderung mit mehr Informationen zu den einzelnen Sorten sowie eine interaktive Karte der Anlage. Ziel ist es, unsere Streuobstwiese nicht nur erlebbar zu machen, sondern sie zum echten Herzstück des Vereinslebens zu entwickeln. Ein Ort, an dem Golf, Natur und Gemeinschaft zusammenkommen.
SN: Herzlichen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke. Wir hoffen, dass Sie auch im kommenden Jahr wieder mit einer Veranstaltung am Tag der Streuobstwiese teilnehmen.
Hintergrund: Achimer Golfclub
Der Achimer Golfclub e.V. und die Golf in Achim GmbH &Co. KG betreiben eine weitläufige, 128 Hektar große Golfanlage vor den Toren Bremens. Neben dem sportlichen Betrieb einer 18-Loch- und einer 9-Loch-Anlage legt der Club seit seiner Gründung einen zentralen Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit sowie den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen.
Als einer von wenigen Golfplätzen im norddeutschen Raum engagiert sich der Verein intensiv im Umweltprogramm „Golf & Natur“ des Deutschen Golf Verbandes (DGV) und trägt hierfür die höchste Auszeichnung in Gold. Auf dem parkähnlich angelegten Gelände wird die Verbindung von Freizeitsport und ökologischem Naturschutz aktiv gelebt: Neben großflächigen Heideflächen und neu angelegten Biodiversitätszonen bilden die historischen Streuobstwiesen ein wertvolles Biotop auf der Anlage. Die Pflege und der Erhalt dieser Flächen sind fest im Greenkeeping und im Clubleben integriert.
Unter dem Leitgedanken „Natürlich offen“ versteht sich der Club als Begegnungsstätte für Mitglieder und Gäste gleichermaßen und setzt durch Kooperationen, Aktionstage sowie eine öffentlich zugängliche Gastronomie regelmäßig Impulse, um das Bewusstsein für die heimische Kulturlandschaft und den Artenschutz im Sport zu stärken.
Geführt wird der Club von einem ehrenamtlichen Vorstand um Präsident Frank Legenhausen, das operative Management verantwortet Clubmanager Thomas Schmidt am Sitz des Vereins in Achim-Badenermoor.
Weitere Informationen: achimergolfclub.de